Fertilitätsprotektion
Wenn Therapie auch die Zukunft im Blick behält
Eine Krebsdiagnose im Kindes- oder Jugendalter stellt von einem Moment auf den anderen alles auf den Kopf. Im Mittelpunkt steht dann das eine große Ziel: gesund zu werden.
In dieser Ausnahmesituation bereits über Dinge nachzudenken, die vielleicht noch Jahre entfernt sind, wie Pubertät, Sexualität oder einen möglichen Kinderwunsch ist kaum vorstellbar. Und doch lohnt es sich, schon früh auch an später zu denken und dabei benötigen die betroffenen Kinder und Jugendliche und ihre Eltern Unterstützung.
Genau hier setzt die sogenannte Fertilitätsprotektion an – der Schutz der Fruchtbarkeit. Denn manche Krebstherapien können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Mit den richtigen Maßnahmen lässt sich diese Möglichkeit für die Zukunft jedoch in vielen Fällen bewahren.
Ein wichtiger Schritt an der Klinik Innsbruck
Was in der Erwachsenenmedizin längst etabliert ist, wurde nun auch an der Klinik Innsbruck bereits zweimal durchgeführt – die Entnahme von Eierstockgewebe, das zu einem späteren Zeitpunkt wieder eingesetzt werden kann.
Das eröffnet zwei wertvolle Perspektiven: Das Gewebe kann später dabei helfen, die natürliche Pubertätsentwicklung anzustoßen – oder einen Kinderwunsch im Erwachsenenalter zu ermöglichen. Für betroffene Kinder, Jugendliche und ihre Familien ist das ein bedeutender Fortschritt.
Für uns gehört der Blick in die Zukunft zu einer guten Versorgung dazu. Kinder und Jugendliche, die heute behandelt werden, sollen morgen ein selbstbestimmtes Leben führen können – mit allen Wegen, die ihnen offenstehen. Dass die Familien sich in einer ohnehin herausfordernden Zeit nicht zusätzlich um diese Möglichkeit sorgen müssen, ist uns ein echtes Anliegen.
Das Verfahren selbst ist kein Experiment: Bei erwachsenen Patientinnen ist das Einfrieren von Eierstockgewebe seit Jahren etabliert. Neu ist die Anwendung bei sehr jungen Mädchen. Da vor der Pubertät noch keine reifen Eizellen gewonnen werden können, wird während einer rund 30-minütigen Bauchspiegelung ein Teil des Eierstockgewebes entnommen und tiefgefroren. Ist die Erkrankung dauerhaft überwunden, kann das Gewebe später wieder eingesetzt werden – um die natürliche hormonelle Entwicklung anzustoßen und die Chance auf eigene Kinder zu erhalten.
Warum dieser Schritt so wichtig ist
Intensive Behandlungen wie Chemotherapie, Bestrahlung oder eine Stammzelltransplantation können die Eierstöcke schädigen. Wie stark, hängt vom Einzelfall ab. „Infolge der Behandlung kommen Krebspatientinnen später oft nicht von selbst in die Pubertät“, erklärt Gabriele Kropshofer, Oberärztin für pädiatrische Hämatologie und Onkologie an der Innsbrucker Kinderklinik.
Glücklicherweise überleben heute immer mehr junge Menschen ihre Krebserkrankung – doch viele von ihnen haben später mit Spätfolgen zu kämpfen, die auch die körperliche Entwicklung und die Fruchtbarkeit betreffen können. Genau deshalb lohnt es sich, schon zu Beginn der Therapie an die Zeit danach zu denken.
Für die betroffenen Familien ist es vor allem eines: ein Stück Selbstbestimmung, das sie ihren Kindern bewahren möchten. Dass diese Entscheidung nach einer ausführlichen Aufklärung durch die Klinik in Ruhe getroffen werden kann, ist dabei genauso wichtig wie der Eingriff selbst.
Nicht für jedes Kind derselbe Weg
So individuell wie jede Erkrankung ist auch der Schutz der Fruchtbarkeit. Welche Maßnahme infrage kommt, hängt vom Alter des Kindes, von der Art der Erkrankung und von der geplanten Therapie ab. Bei Mädchen vor der Pubertät steht – wie in Innsbruck – die Entnahme von Eierstockgewebe im Vordergrund, weil noch keine reifen Eizellen gewonnen werden können. Bei älteren Jugendlichen gibt es je nach Situation weitere Möglichkeiten. Wichtig ist vor allem eines: dass die Frage überhaupt gestellt wird – frühzeitig, einfühlsam und gemeinsam mit der behandelnden Klinik. Denn der richtige Zeitpunkt liegt fast immer zu Beginn der Therapie, noch bevor die Behandlung startet.
Unterstützung heute – und Hoffnung für morgen
Heute überleben rund 85 Prozent der erkrankten Kinder und Jugendlichen ihre Krebserkrankung – ein großer Erfolg der modernen Medizin. Gleichzeitig leben etwa zwei von drei Betroffenen später mit Spätfolgen der Erkrankung und ihrer Behandlung. Genau deshalb denken wir Versorgung von Anfang an weiter: Die Fertilitätsprotektion verbindet medizinischen Fortschritt mit dem, was uns im Kern antreibt: betroffenen Kindern und Jugendlichen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Schon jetzt gibt es Unterstützungsmöglichkeiten durch die Kinderkrebshilfe, damit betroffene Familien diese Chance nutzen können. Die beiden oben genannten Fälle wurden bereits durch die Unterstützung der Kinderkrebshilfe für Vorarlberg und Tirol möglich gemacht. Wie auch bei vielen anderen Themen ist natürlich unser gemeinsames Ziel, dass die Kosten künftig auch von den Krankenkassen übernommen werden – damit Fertilitätsprotektion für alle, die sie brauchen, selbstverständlich zugänglich ist. Wir sehen die beiden ersten Eingriffe an der Klinik Innsbruck als wichtigen Anfang – und als Auftrag für uns als Kinderkrebshilfe, dranzubleiben.
Ausführlichere Informationen findet ihr in der Berichterstattung der Tiroler Tageszeitung.
Wir bleiben an diesem wichtigen Thema dran und halten euch auf dem Laufenden.
Quellen: Tiroler Tageszeitung und Klinik Innsbruck